Prolog
Tag 8, 10.09.2025
Moment der Wahrheit
Seit sechs Stunden steht alles still. Hundert Leute vor Bildschirmen, auf denen nichts mehr stimmt. Monate Arbeit, alles vernichtet. Jemand hat ausgerechnet, was es kostet: fast eine Million Euro und der Tag ist noch nicht vorbei.
Ein Entwickler hat den Fehler verursacht und sechs Stunden lang geschwiegen. Sechs Stunden, in denen hundert Leute gesucht haben, was ein einziger Satz erledigt hätte.
Und jetzt sehen mich alle an. Ich stehe vorn, die Hände hinter dem Rücken, damit keiner merkt, dass sie zittern.
Wenn ich das hier stoppe, drehe ich es vielleicht in die richtige Richtung. Oder wir haben die Million umsonst verbrannt und ich kann meine Träume begraben.
Carinas Stimme von gestern Abend ist wieder da. „Manchmal hältst du das System nicht am Laufen. Manchmal musst du es stoppen.“
Ich hole Luft. Jetzt oder nie.
Wie ich in diesen Raum geraten bin? Das beginnt einige Tage früher. Mit einem Wort, das ich mir hätte sparen sollen: „Ja“.
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Tag 1, 01.09.2025
Wie alles begann …
Carina ruft an, meine Chefin bei Perceed. Wenn sie anruft, gibt es zwei Möglichkeiten: Jemand hat etwas grandios verbockt oder es wartet ein spannendes neues Projekt. Meist unterscheiden sich die beiden nur im Zeitpunkt.
„Alex, gut, dass ich dich erreiche!“ Einen Hauch zu begeistert. „Ich hab da was für dich. Ein echtes Highlight.“
Ich sage nichts. Bei Carina reicht das als Einladung.
„Wir sind bei den Badischen Motorenwerken eingestiegen. Die BAM. Größter Automobilkonzern des Landes. Weißt du, warum deren letztes Flaggschiff gefloppt ist? Die große Luxuslimousine.“
Ich krame in meinem Gedächtnis. Irgendwas war da, vor ein, zwei Jahren. „Zu teuer?“
„Schlimmer. Die haben das Ding fünf Jahre lang durchgeplant, bis zur letzten Schraube. Und mittendrin kam der Durchbruch bei der künstlichen Intelligenz. Auf einmal redest du mit deinem Auto und das Auto antwortet dir. So was stand in keinem ihrer Pläne. Konnte es auch nicht. Als die mit der Planung angefangen haben, gab es das schlicht noch nicht. Und nachträglich einbauen? Dafür hätten sie ihre komplette Planung in die Tonne treten und von vorn anfangen müssen. Also haben sie weitergemacht wie vorgesehen. Das Auto kam pünktlich, exakt so, wie sie es sich fünf Jahre zuvor ausgedacht hatten. Nur die Welt hatte sich nicht an ihren Plan gehalten. Neben der Konkurrenz wirkte es wie aus der Steinzeit. Gekauft hat es kaum jemand.“
„Und jetzt-“
„Jetzt wollen sie es anders machen.“ Ihre Stimme geht eine Stufe runter. „Fünf Jahre im Voraus planen heißt: heute darauf wetten, wie die Welt in fünf Jahren aussieht. Diese Wette haben sie bei der Luxuslimo verloren. Künftig wollen sie unterwegs dazulernen und dann entscheiden, wie es weitergeht. Und ihr nächstes großes Ding ist autonomes Fahren. Deshalb soll die gesamte Abteilung agil aufgestellt werden. Und das ist erst der Anfang. Danach könnte das ganze Unternehmen folgen. Begleitet von uns. Von Perceed. Dafür brauche ich dich.“
Sie lässt eine genau abgepasste Pause.
„Und das Beste: grüne Wiese. Du legst mit ihnen fest, wie sie künftig arbeiten: wer was entscheidet, wie geplant wird, welche Meetings es gibt. Euer eigenes Zusammenarbeitsmodell. Von null an.“
Das klingt tatsächlich … verlockend. Der Stoff, aus dem wir bei Perceed die schönsten Beratungsfolien machen: komplexe IT, Konzerne im Umbruch und die Menschen, die das alles zusammenhalten sollen. Also ich.
„Deine Kunden waren immer zufrieden, Alex. Auch intern reden alle in den höchsten Tönen von dir. Deshalb frage ich ausdrücklich dich.“
Es wirkt. Für einen Moment fühle ich mich wichtig und das reicht.
„Klingt spannend, Carina. Wirklich. Aber ich stecke noch mitten in meinem aktuellen Projekt. Das ist ziemlich kurzfr-“
„Kein Problem! Das kläre ich sofort mit deinem Projektleiter. Also? Bist du dabei?“
„Ja“, höre ich mich plötzlich sagen. Das Wort ist draußen, bevor ich es aufhalten kann.